Köln-Porz am Rhein – Die Lise-Meitner-Gesamtschule in Köln-Porz setzt ein starkes Zeichen für gelebte Demokratie und Schülerbeteiligung: Mit der Gründung eines eigenen Oberstufenparlaments erhalten die Schülerinnen und Schüler eine direkte Stimme bei der Gestaltung ihres Schulalltags. Was als informelle Idee begann, hat sich zu einem ambitionierten Projekt entwickelt, das junge Menschen ermutigt, Verantwortung zu übernehmen und demokratische Prozesse aktiv mitzugestalten.
Von der Idee zur Vision: Mehr Schülerbeteiligung in der Oberstufe
Die Initiative für ein Schülerparlament an der Lise-Meitner-Gesamtschule entstand aus einem einfachen, aber wichtigen Gedanken heraus: Warum sollten demokratische Prozesse nur im Unterricht theoretisch behandelt werden, wenn sie doch direkt im Schulalltag gelebt und erprobt werden können? Insbesondere mit dem Übergang in die Oberstufe, wo mehr Eigenverantwortung erwartet wird, stellten einige Schülerinnen und Schüler fest, dass ihre Mitgestaltungsmöglichkeiten bei vielen Entscheidungen begrenzt blieben.
Diese Beobachtung führte zu der Vision, demokratische Strukturen fester in den Schulalltag zu integrieren. Denn eine Schule hat nicht nur die Aufgabe, Wissen zu vermitteln, sondern auch, junge Menschen auf ihre Rolle in einer demokratischen Gesellschaft vorzubereiten.
Die „Denkfabrik“: Von der Vision zum konkreten Konzept

Was als spontane Idee begann, entwickelte sich schnell zu einem konkreten Projekt. Eine engagierte Gruppe von Schülerinnen und Schülern – Sofiia, Laso, Semir und Yusup – machte sich an die Ausarbeitung eines Modells. Ihr erstes Konzept war ambitioniert und orientierte sich stark an realen politischen Systemen, mit verschiedenen legislativen Strukturen und Kontrollmechanismen. Schnell wurde jedoch klar, dass eine solche Komplexität für den schulischen Alltag zu aufwendig wäre. Der Kerngedanke blieb jedoch bestehen: Demokratie muss für Schülerinnen und Schüler praktisch erfahrbar sein.
Ein entscheidender Impuls kam von Herrn Beger, der als Demokratiebeauftragter der Schule und engagierter Unterstützer von Schülerprojekten fungierte. Er zeigte sich von der Idee begeistert und unterstützte die Schülerinnen und Schüler dabei, aus dem ersten Entwurf ein umsetzbares Konzept zu formen. So entstand die „Denkfabrik“, die unter der fachkundigen Begleitung von Herrn Beger und Frau Langkau über Monate hinweg an der Ausarbeitung des Parlamentsmodells arbeitete. Regelmäßige Treffen außerhalb des regulären Unterrichts waren die Regel, um grundlegende Fragen zu klären: Wie soll das Parlament aufgebaut sein? Wer darf darin sitzen? Wie werden die Mitglieder gewählt? Welche Aufgaben und Befugnisse soll es haben? Und vor allem: Wie lässt sich das System nahtlos in den Schulalltag integrieren?
Ein breites Fundament: Einbindung und Zustimmung
In einer späteren Phase wurde die „Denkfabrik“ erweitert, um weitere Perspektiven einzubeziehen und eine breitere Akzeptanz zu gewährleisten. Zusätzliche Lehrkräfte brachten ihre Expertise ein, und im Rahmen von Projekttagen beteiligten sich weitere Schülerinnen und Schüler an der Weiterentwicklung. Einige von ihnen blieben dem Projekt treu und begleiteten es bis zur tatsächlichen Umsetzung und den ersten Wahlen.
Nachdem das Konzept ausgearbeitet war, folgte die entscheidende Phase der Präsentation und Abstimmung innerhalb der Schulgemeinschaft. Die Idee wurde den Schülergremien, dem Lehrerkollegium und den Eltern vorgestellt. Die positiven Rückmeldungen ebneten den Weg für die Einreichung des Antrags bei der Schulleitung, die grünes Licht für einen ersten Pilotdurchlauf gab.
Pilotprojekt Oberstufe: Erste Erfahrungen sammeln
Für den Pilotdurchlauf wurde bewusst die Oberstufe gewählt. Dieses Vorgehen ermöglichte es, das neue System in einem überschaubaren Rahmen zu erproben und wertvolle erste Erfahrungen zu sammeln. Langfristig ist die Hoffnung groß, das Parlament bereits im kommenden Schuljahr auf weitere Jahrgangsstufen oder sogar die gesamte Schule auszuweiten.
Schülerteams statt Parteien: Ein niederschwelliges Wahlsystem
Ein Kernelement des neuen Systems sind die sogenannten „Schülerteams“. Die bewusste Entscheidung gegen den Begriff „Partei“ zielt darauf ab, eine niedrigschwelligere und weniger einschüchternde Atmosphäre zu schaffen, insbesondere für jüngere Schülerinnen und Schüler. Diese Teams repräsentieren gemeinsame Ideen und Ziele und treten gemeinsam zur Wahl an. Abhängig von ihrem Wahlergebnis erhalten die Teams Sitze im Parlament, ergänzt durch Direktmandate. So konnten im ersten Oberstufenparlament insgesamt 23 Plätze besetzt werden.
Das Wahlsystem selbst ist bewusst an demokratische Wahlen angelehnt. Die Schülerinnen und Schüler erhielten einen Stimmzettel und konnten drei Stimmen vergeben:
- Erste Stimme: Wahl einer Direktkandidatin oder eines Direktkandidaten aus der eigenen Jahrgangsstufe.
- Zweite Stimme: Wahl eines Schülerteams.
- Dritte Stimme: Wahl der Schülersprecherin oder des Schülersprechers.

Hohe Beteiligung und erste Erfolge
Die Beteiligung an der Wahl war erfreulich hoch. Fast alle wahlberechtigten Schülerinnen und Schüler nutzten ihre Stimme, was zur Besetzung aller 23 vorgesehenen Plätze im ersten Oberstufenparlament führte.
Auch die erste Sitzung des Parlaments ist bereits erfolgreich über die Bühne gegangen. Hierbei wurden unter anderem die Parlamentssprecher gewählt, wobei darauf geachtet wurde, die verschiedenen Jahrgänge der Oberstufe repräsentiert zu sehen, um unterschiedliche Perspektiven einzubringen.
Mehr als nur eine Simulation: Konkrete Anliegen im Fokus
Das Oberstufenparlament soll jedoch nicht nur demokratische Abläufe simulieren, sondern tatsächlich positive Veränderungen im Schulalltag bewirken. Bereits in der ersten Sitzung wurden konkrete Anliegen der Schülerschaft thematisiert, darunter die Umsetzung eines Schülerkiosks und der Umgang mit digitalen Endgeräten in der Oberstufe. Damit beginnt das Parlament unmittelbar nach seiner Gründung, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die den Alltag der Schülerinnen und Schüler direkt betreffen.
Eine Kultur der Beteiligung und Verantwortung fördern
Hinter diesem Projekt steht eine weitaus größere Idee als die bloße Gründung eines neuen Schulgremiums. Es geht darum, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, ihre Interessen zu formulieren, Mehrheiten zu gewinnen, Kompromisse einzugehen und Verantwortung für ihre Schule zu übernehmen. Sie können kandidieren, Wahlkampf führen, wählen, Anträge entwickeln und miterleben, wie ihre Ideen umgesetzt werden.
Das Ziel ist es, Demokratie nicht nur als Thema im Unterricht zu behandeln, sondern sie im Schulalltag praktisch erfahrbar zu machen. Die langfristige Vision ist die Schaffung einer demokratischen Kultur an der Schule, in der unterschiedliche Meinungen offen diskutiert und gemeinsam nach Lösungen gesucht werden.
Ein Blick in die Zukunft: Potenzielle Wegbereiter für Engagement
Wer weiß, welche Wege die Schülerinnen und Schüler, die sich heute im Parlament engagieren, in Zukunft einschlagen werden? Vielleicht entstehen aus solchen Projekten heraus später gesellschaftlich oder politisch engagierte Bürgerinnen und Bürger, Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker oder Abgeordnete.
Entscheidend ist jedoch, jungen Menschen zu vermitteln: Demokratie ist nichts Entferntes oder Abstraktes. Man kann selbst daran teilnehmen, Verantwortung übernehmen und aktiv etwas verändern. Die Lise-Meitner-Gesamtschule in Köln-Porz hat mit ihrem Oberstufenparlament einen wichtigen Schritt in diese Richtung getan.
